Film: Die Odyssee
Im Meer sein
Christopher Nolans „Odyssee“ und die Frage, was ein Held heute noch sein kann
Achtung: Dieser Text enthält Spoiler.
Schon das Universal-Logo wirkt wichtiger. Es schmiegt sich gewaltiger und fast brachial um die Welt, scheint plötzlich älter, dunkler, beinahe verletzlich. Noch bevor ein Mensch zu sehen ist, setzt Christopher Nolan einen archaischen Ton: Jetzt kommt etwas Großes. Aber nicht nur etwas Spektakuläres. Etwas Menschliches.
Und tatsächlich: Zum ersten Mal sage ich trotz reichlich innerer Abwehr – IMAX, ja bitte.
Normalerweise gehöre ich eher zu den Advokatinnen des Programmkinos und des Kunstfilms. In mir steht diese unsichtbare Tarkowski-Hürde: die Vorstellung, dass eine Filmvorführung mich vollständig verwandeln, meine Wahrnehmung neu zusammensetzen, vielleicht sogar meine Geduld und alles Primitive erst zerstören muss, bevor sie Kunst sein darf.
Bei Nolans Odyssee war ich auffällig gnädig.
Hier hat es mir einmal gereicht, auf höchstem Niveau illustriert, etwas zu gucken. Und „Illustration“ meine ich ausdrücklich nicht abwertend. Ganz im Gegenteil.
Alte Erinnerungen in HD
Ich habe Teile der Odyssee im Lateinunterricht übersetzt und damals tatsächlich Gefallen daran gefunden. Vielleicht war es das erste Mal, dass ich spürte, dass ein uralter Text nicht tot sein muss. Dass Sprache eine Zeitmaschine sein kann. Dass Menschen vor fast dreitausend Jahren offenbar schon dieselben Probleme hatten wie wir: Sie wollten nach Hause, sie wollten mehr, als ihnen guttat, sie verwechselten Macht mit Bedeutung und merkten viel zu spät, was sie längst besessen hatten. (Achtung: Interpretation einer 15-Jährigen neunmalklugen Gymnasiastin, aber vielleicht ermöglicht mir der Rest dieses jugendlichen Erklärbären, den ersten Teil meiner Film-Rezension. )
Nolans Film war für mich deshalb auch das Wiedersehen mit einer alten Erinnerung – nur in HD, gigantisch, laut und auf einer Leinwand, die größer war als mein vernünftiger Widerstand gegen den ganzen Kampagnenwahnsinn.
Denn natürlich ist das hier eine riesige Maschine. Ein hyperkommerzielles Movie-Erlebnis, gebaut aus Weltstars, IMAX, Marketing und jener Größenskala, die Nolan inzwischen schon durch seinen Namen verspricht.
Umso mehr gefällt mir, dass er sich nicht über den vermeintlich „heiligen“ Text stellt. Er hält sich nicht sklavisch an jedes Detail Homers, einzelne Szenen werden umgedeutet, psychologisiert oder neu erfunden. Aber er behandelt die Vorlage nicht wie Rohmaterial, das erst durch einen modernen Regisseur interessant werden müsste.
Die Odyssee ist schließlich schon voll.
Voll von Meer, Verführung, Gewalt, Erinnerung, Hunger, Treue, Schuld – oder zumindest dem, was wir heute zunächst als Schuld lesen –, Göttern, Tieren, Toten und Menschen, die sich für klüger halten, als sie sind. Man muss sie gar nicht krampfhaft neu erfinden.
Man kann sie zeigen.
Und genau darin liegt für mich zunächst Nolans Stärke.
Paläste, die erst durch Menschen etwas wohnlich sind
Erstaunlich ist, wie minimalistisch dieser gigantische Film an vielen Stellen aussieht. Die Räume sind nicht vollgestellt. Die Burgen und Schlösser sind keine historistischen Wimmelbilder, in denen jedes Gefäß schreit: Schaut her, wir haben recherchiert!
Sie sind leer, brutalistisch, streng und klar. Gerade dadurch werden sie zeitlos.
Diese archaischen Räume sind fast nur durch ihre Menschen gekleidet. Körper, Stimmen und Machtverhältnisse werden zu ihrer eigentlichen Dekoration. Ein König ist nicht König, weil um ihn herum tausend goldene Gegenstände stehen. Er ist König, weil andere Menschen sich zu ihm verhalten, als wäre er einer.
Und sobald diese Ordnung zerbricht, bleibt nur ein erschreckend leerer Raum zurück.
Das unterstützt Nolans archetypische Untersuchung. Hier geht es nicht um eine museale Antike. Es geht um den Menschen in der Macht, den Menschen in der Angst, den Menschen auf dem Meer.
Vor allem aber: um den Menschen, der etwas Schönes zerstört und erst später begreift, dass es schön war.
Der erste Stein ins Verderben
Ich habe den Schmerz wirklich gespürt, als Odysseus in die Nacht von Troja zurückblickt und erkennt, was er mit der List des Trojanischen Pferdes ausgelöst hat. Ich bin Feministin. Ich spüre das Patriarchat.
Odysseus erkennt (bei Nolan) nicht einfach einen Sieg, sondern einen ersten Steinwurf ins menschliche Verderben.
Den Startschuss zu einem Kampf zwischen Archetypen, Reichen, Männern und ihren Vorstellungen von Größe. Was hätte er uns allen erspart, hätte er diese verdammt listige, verdammt fiese Pferdeaktion nicht gehabt?
So fies.
So fies!
Der Film leuchtet immer wieder an diesen Ursprung des Zerfalls zurück. Aus dem bewunderten Strategen wird der Mann, dessen Genialität etwas in die Welt gesetzt hat, das er nicht mehr kontrollieren kann. Er hat bewiesen, dass sich die heiligsten Regeln brechen lassen, wenn man es nur clever genug anstellt. Dass Gastfreundschaft, Vertrauen und Handel als Schwächen ausgenutzt werden können.
Aus der Ausnahme des Krieges wird ein Prinzip, das anschließend die ganze Welt vergiftet. „We lived in a world of palaces and trade and language, blind to its beauty.“
Wir waren zusammen. Wir haben gehandelt. Wir waren glücklich.
Und dann musste jemand mehr wollen.
Vorhersehbarer männlicher Machtwille: das Schöne nicht blühen lassen können, weil man es besitzen, übertreffen oder unterwerfen muss.
Wir hoffen den ganzen Film lang, dass Odysseus es nach Hause schafft. Und zugleich zwingt uns Nolan irgendwann zu der Frage: Wie dumm war eigentlich schon der Impuls, dieser Gier nach Mehr überhaupt zu folgen?
Im Meer sein
Das stärkste Motiv des Films ist das Meer.
Dieses völlige Haltlossein.
Dieses Ausgeliefertsein auf einem brachialen und zugleich erschreckend zerbrechlichen Holzbauch, der ein paar Menschen über etwas trägt, das sie jederzeit verschlucken könnte. Das Schiff schützt sie, aber es trennt sie nicht wirklich vom Wasser. Es ist nur eine dünne Behauptung zwischen Mensch und Abgrund.
Ich habe diese Relation zwischen Meer und Schiff körperlich gespürt. Man befindet sich nicht einfach auf einer Reise über das Meer. Man ist im Meer. Dauerhaft.
Das Wasser ist kein Weg zwischen zwei sicheren Orten, sondern ein Immerzustand. Es gibt keinen festen Boden, auf den man sich innerlich zurückziehen könnte. Nur Bewegung, Wetter, Abhängigkeit, Mannschaft, Erinnerung und die Hoffnung, dass irgendwo noch Land existiert. Gott, was war ich froh, immer wenn wir Land unter den Füßen hatten, während den drei Stunden.
Ist das nicht ziemlich genau unser heutiges Lebensgefühl?
Wir leben in einem permanenten Dazwischen. Politisch, klimatisch, emotional, beruflich. Gewissheiten, die gestern noch wie Land aussahen, bewegen sich plötzlich unter unseren Füßen. Beziehungen müssen inmitten ständiger Optionen gebaut werden. Wir sollen flexibel sein, verfügbar, mobil und immer bereit, uns neu zu erfinden.
Dabei sehnen wir uns vielleicht gar nicht nach der nächsten Insel.
Vielleicht sehnen wir uns danach, endlich wieder Land in uns zu spüren.
Nolans Odysseus trägt das Meer schon in sich, lange bevor er wieder in Ithaka ankommt.
„Then it wasn’t true“
Meine Lieblingsstelle gehört Kalypso, gespielt von Charlize Theron.
Sie fragt Odysseus: „What if memory destroys your happiness?“
Und er antwortet: „Then it wasn’t true.“
Mega.
Denn diese zwei Sätze treffen nicht nur Odysseus. Sie treffen jede zeitgenössische Beziehung, in der irgendwann die Frage auftaucht, ob wir uns an die Wahrheit erinnern wollen oder lieber an die Version, mit der wir weiterleben können.
Was, wenn die Erinnerung das Glück zerstört?
Was, wenn wir beim Zurücksehen erkennen, dass wir nicht nur Opfer waren, sondern Beteiligte? Dass wir Menschen verletzt, Möglichkeiten verspielt oder eine Liebe verlassen haben, weil wir dachten, irgendwo müsse noch mehr auf uns warten? Oder wenn wir bleiben, ohne dass da noch eine Liebe ist, die alles ansieht, und von der wir alles ansehen wollen, was wir sind.
Odysseus’ Antwort ist radikal: Ein Glück, das nur durch Verdrängung bestehen kann, war nicht wahr.
Vielleicht ist das romantisch. Vielleicht ist es brutal. Vielleicht ist es genau die Art Satz, die man leicht sagen kann, solange man noch nicht weiß, welche Erinnerung zurückkehren wird. Aber er setzt etwas Entscheidendes: Wahrheit ist nicht der Feind des Glücks. Sie ist seine Bedingung.
Auch heutiges Beziehungsbauen müsste dort beginnen. Nicht bei der Frage, wie lange man Konflikte vermeiden kann, sondern ob zwei Menschen einander in der Wahrheit aushalten. Ob Liebe auch den Blick aufs Meer zulässt.
Ob Bewahren nicht bedeutet, dass niemand mehr hinausblicken darf, sondern dass man einen Ort schafft, an den beide wahrhaftig zurückkehren können.
Der Gesang dessen, was schon verloren ist
Nahezu poetisch fand ich die Sirenen-Szene.
Bei Homer lässt sich Odysseus an den Mast binden, während seine Männer ihre Ohren mit Wachs verschließen. Nolan macht daraus etwas noch psychologisch Bedrohlicheres. Ein Krieger springt aus dem Boot und schwimmt zu den Sirenen.
Diese konkrete männliche Dummheit, für einen Hunger, einen Ruf, ein Versprechen das ganze Leben herzugeben, ist Nolans Ergänzung.
Berührend ist sie trotzdem.
Später erzählt Odysseus unter Tränen davon, was die Sirenen ihm eigentlich anbieten: nicht einfach Sex, Ruhm oder Abenteuer, sondern genau das, was er schon besessen und verloren hat.
Das ist ihre eigentliche Verführung.
Ab hier verändert sich etwas.
Schuld wird bei Odysseus – zumindest in meinem modernen Blick auf ihn – nicht mehr nur als Last sichtbar, die von außen auf ihm liegt. Sie wird zu Bewusstsein.
Er sieht in sich.
Und mit dieser Einsicht kommt ein Wissen, dass es kein Zurück zu jenem Mann gibt, der Troja betreten hat.
Vorher wirkt er an einigen Stellen noch, als wolle er uns spiegeln: Frau, Kind und Familie – ganz schön, aber vielleicht nicht wirklich sein Ding. Ein Held muss hinaus. Ein Held muss handeln. Ein Held braucht noch eine Prüfung, eine Insel, eine Versuchung, einen Gegner.
Dann erkennt er eine andere Wahrheit:
Bewahren ist nicht automatisch Verzicht. Vielleicht ist es sogar die schwerere Form des Abenteuers.
Eine Liebe ernst zu nehmen heißt nicht, nie mehr aufs Meer zu schauen. Es heißt, nicht jedes Meer mit dem Auftrag zu verwechseln, es müsse erobert werden.
Frauen, die nicht länger Kulisse sein wollen
Besonders spannend ist deshalb die Behandlung der Frauenfiguren – auch dort, wo ich mir noch mehr Raum für sie gewünscht hätte.
Anne Hathaways Penelope ist für mich die eigentliche Heldin von Ithaka.
Während Odysseus durch die Welt fährt, hält sie eine Welt zusammen.
Schon bei Homer besteht ihre Stärke nicht in körperlicher Überlegenheit, sondern in Intelligenz, Geduld und ihrer berühmten List: Tagsüber webt sie das Leichentuch, mit dessen Fertigstellung sie angeblich einen neuen Ehemann wählen wird; nachts trennt sie ihre Arbeit wieder auf.
Sie bewahrt, aber sie ist nicht passiv.
Sie handelt in einer Ordnung, in der ihre Möglichkeiten begrenzt sind, und macht Zeit zu ihrer Waffe.
Vielleicht liegt darin eine neue Definition von Heldentum: nicht immer der Mensch zu sein, der hinausgeht und Geschichte macht, sondern der Mensch, der verhindert, dass währenddessen alles zerfällt.
Lupita Nyong’o spielt Helena und Klytämnestra, Samantha Morton Kirke und Charlize Theron Kalypso. Jede dieser Frauen besetzt eine Rolle, die Männer ihr zugeschrieben haben – die Schönste, die Wartende, die Hexe, die Verführerin, die mörderische Ehefrau – und versucht, innerhalb dieser Rolle einen eigenen Akzent zu setzen.
Klytämnestra erträgt es schlicht nicht mehr, mit einem Eroberer zusammen zu sein. Mit einem Mann, der offenbar zu allem bereit war, sogar zur Opferung der eigenen Tochter.
Dass Agamemnons Geschichte als dunkle Nebenhandlung immer wieder auftaucht, ist wichtig. Bei Homer wird sein Schicksal ebenfalls zum warnenden Gegenbild für die Heimkehr des Odysseus.
Bei Nolan bekommt Klytämnestra nun ein Bild, einen Körper und einen Moment des Handelns. Man kann ihre Tat verurteilen und trotzdem verstehen, dass hier jemand nicht länger Teil des Erobererhaushalts sein will.
Auch Kirke, gespielt von Samantha Morton, die sogenannte Schweinehexe, bemächtigt sich ihrer zugeteilten Rolle. Sie verwandelt die Männer in Schweine – oder legt vielleicht nur frei, was längst da war. Sie schläft nicht mit Odysseus, was hätte das verstärkt?
Fast Clarice-Lispector-artig wirkt, dass sie Odysseus nicht sexuell begegnet: Da ist Leidenschaft, da ist schon Verwandlung als Enthüllung, und der Verzicht auf jegliche Verfremdung.
Odysseus scheint von Schweinen umgeben zu sein. Kirke setzt diesen Akzent.
Sie hört ihm zu, sie erkennt etwas in ihm, setzt auf seine Treue und gibt ihn zugleich auf. Auch seine Rettung muss irgendwann seine eigene Aufgabe werden. Kirke went to Therapy.
Am Ende bleibt von all diesen Frauen eine bittere Erkenntnis:
Wie viel männliche Energie darauf verwendet wird, Zeit zu vergeuden, die Frieden hätte sein können. Wer findet das heute noch sexy?
Vielleicht müssen wir den Helden tatsächlich neu definieren. Denn wem wollen diese Männer heute noch etwas beweisen?
Welche Penelope findet es im Jahr 2026 noch sexy, wenn ihr Mann einfach nur gone ist – körperlich abwesend und emotional ungefähr so verfügbar wie Odysseus in der Bettszene am Anfang? Wie viele ganze Leben gehen verloren, weil Menschen glauben, Liebe allein sei zu klein für sie?
Dabei hält jede Liebe wahrscheinlich genug zu bestehen bereit, sobald man sich ihr wirklich aufrichtig widmet.
Der klassische Held zeichnet sich dadurch aus, dass er geht. Der neue Held könnte derjenige sein, der bleibt, ohne sich selbst aufzugeben. Der zurückkehrt, ohne zu erwarten, dass alles auf ihn gewartet hat. Der versteht, dass Bewahren keine weibliche Nebenaufgabe ist, sondern eine gemeinsame menschliche Leistung.
Odysseus ist ein Halbgott, aber eben nur ein Halbgott seiner eigenen Reise. Er beherrscht das Meer nicht. Er beherrscht seine Männer nicht. Oft beherrscht er nicht einmal sich selbst.
Seine Größe liegt am Ende vielleicht weniger darin, dass er alle Gefahren überlebt, als darin, dass er irgendwann erkennt, wie unnötig viele davon waren.
Die Kuh des Sonnengottes
Der lustigste Moment des Films ist für mich deshalb gleichzeitig ein perfekter Kommentar zu allem:
„You think the Sun God doesn’t see it when you eat the cow silently?“
Herrlich.
Als könnte man eine heilige Kuh einfach besonders leise essen und dadurch den Konsequenzen entgehen. Sind wir nicht ständig genau so?
Wir wissen, dass etwas falsch ist. Wir machen es trotzdem und hoffen, dass die Welt gerade wegschaut.
Wir nennen es Pragmatismus, Notwendigkeit oder alternativlos. Wir nehmen das Schöne als selbstverständlich hin und widmen uns lieber dem Bemächtigen als dem Erhalten. Und dann sind wir überrascht, wenn die Rechnung kommt.
Die Odyssee im Jahr 2026
Wir leben in Tagen, in denen Paris in der Hitze anschwillt, Krisen schwelen und immernoch echte Kriege geführt werden – Kriege, wie es sie immer gab und die es doch längst nicht mehr geben müsste.
Vielleicht brauchen wir deshalb gerade jetzt diese Odyssee.
Nicht, weil sie uns beruhigt, sondern weil sie zeigt, wie fatal es ist, das Schöne (vgl. John Dewey: Das Wahre) für selbstverständlich zu halten. Wie Zivilisationen nicht erst dann zerfallen, wenn die Paläste brennen, sondern in dem Moment, in dem Menschen beginnen, Vertrauen und vor allem Gnade als Schwäche zu verstehen.
Die Odyssee ist längst in unser Weltempfinden eingeschrieben.
Wir sprechen vom „trojanischen Pferd“, wenn uns etwas als Geschenk erreicht, das in Wahrheit Gefahr in sich trägt. Wir fühlen uns bei einem Vorstellungsgespräch „wie in der Höhle des Löwen“, auch wenn sich dabei unterschiedliche mythologische und religiöse Traditionslinien in unserer Alltagssprache vermischen.
Genau das zeigt, wie stark diese alten Bilder weiterarbeiten. Wir benutzen sie, ohne noch darüber nachdenken zu müssen.
Die Odyssee gehört nicht Männern.
Sie ist genderübergreifend mit uns.
Jede und jeder kennt das Aufbrechen, das Verlorengehen, das Verführtwerden und die Frage, ob eine Rückkehr überhaupt noch möglich ist.
Nolan ist natürlich nicht der Erste, der sich der Odyssee annimmt. Seit Jahrhunderten wird diese Geschichte gemalt, übersetzt, vertont, verfilmt und umgeschrieben. Aber vielleicht ist gerade jetzt wieder entscheidend, dass ihr Text noch dasteht. Dass er noch etwas bedeutet. Dass er etwas Urmenschliches freilegt und uns jetzt eben in Hyper-HD auf die Netzhaut gemalt wird.
Stand Anfang August 2026 hat der Film weltweit mehr als 911 Millionen Dollar eingespielt; das angegebene Produktionsbudget lag bei etwa 250 Millionen Dollar. Einspielergebnis ist nicht dasselbe wie Gewinn, aber die Größenordnung zeigt, dass dieses beinahe dreitausend Jahre alte Epos auch als gegenwärtiges Massenkino ein enormes Publikum erreicht. „Hast du schon gehört“, hieß es Anfang des Jahres in allen Pausenräumen von Universität bis Rewe, „Nolan, macht die Oddyssee!“
Mich rührt so etwas ähnlich wie, wenn ich Kinder sehe, die als Massendemo für Kilmaschutz die Rue Soufflot oder den Frankfurter Damm entlang schreiten und Schilder in ihren Händen halten, die flehen müssen, weil sich der Mensch so gerne dumm stellt. Es waren die gleichen Kinder in Paris, Berlin und all den kleinen Straßen, an denen ich nicht gerade aus einer Bücherei mit fünf Deleuzen stolperte oder einen Doppio nahm. Es war das Kind und seine Sorge an sich, das auf uns zurollte.
Es sind die gleichen Tränen, die mir in den Augen stehen, wenn der Barkeeper und die Barkeeperin in dem Pariser Café in dem ich manchmal schreibe lautstark „Le Chassur“ aufdrehen und mitsingen, als sei es das letzte, was sie tun!
Danke also, dass die Odyssee heute noch einmal an uns vorbeizieht — oder besser: uns überläuft — in diesem völlig überdimensionierten, hyperkommerziellen Movie-Erlebnis.
Man kann den Kampagnenwahn belächeln. Man kann Nolan Größenwahn vorwerfen. Man kann sagen, der Film behandle auch Nolans neurotischen Neigung zu technischem Novum, das schon da gewesen ist. Ich finde das irgendwie menschlich. (An der Stelle möchte ich anregen, einmal bei Google „The Odyssey, shot on IMAX“ einzugeben!)
Dennoch: Ich habe das Meer gespürt.
Und ich habe verstanden, dass „im Meer sein“ vielleicht der Normalzustand unseres heutigen Lebens ist. Dass wir uns trotzdem gegenseitig tragen müssen, in diesem brutalen, zerbrechlichen Holzbauch. Dass Lernen, Übersetzen, Erinnern und das Erweitern des eigenen Seins um eine Sprache niemals dumm, sinnlos oder egal sind.
So wenig falsch wie das Erlernen einer Sprache kann auch die Rückkehr zu einem alten Text sein.
Solche Dinge müssen wir uns heute zum Festhalten geben, während alles in Flammen zu stehen scheint: Geschichten, die uns daran erinnern, dass Macht nicht dasselbe ist wie Größe. Dass Heimkehr nicht Rückschritt bedeutet. Dass Bewahren eine Handlung ist.
Und dass das, was wir am meisten suchen, vielleicht genau das ist, was wir längst hatten — und nicht hätten zerstören müssen.
Es bleibt etwas zu sagen, wir sind zu Gast bei Nolan.
Und vielleicht muss ich an dieser Stelle meine eigene Lesart noch einmal gegen sich selbst wenden.
Denn natürlich ist das, was ich hier über Schuld, Einsicht und das Bewahren geschrieben habe, nicht einfach „die Odyssee“. Es ist bereits unsere Odyssee. Genauer: Nolans Odyssee, gesehen von mir, heute.
Das ist wichtig.
Denn die Welt Homers kennt zwar Verantwortung, Scham, Verfehlung, Strafe und auch das Wissen darum, eine Ordnung verletzt zu haben. Aber sie kennt nicht ohne Weiteres jene Form von innerer Schuld, mit der wir heute auf Odysseus blicken. Schon gar nicht dieses fast christliche Modell: Ich habe gesündigt, ich erkenne meine Schuld, ich bereue, ich suche Vergebung und werde durch diese Erkenntnis ein anderer Mensch.
Die berühmte Gegenüberstellung von antiker „Schamkultur“ und späterer „Schuldkultur“ ist wissenschaftlich zu grob, um sie einfach eins zu eins zu übernehmen; trotzdem benennt sie einen wichtigen Unterschied.
Die homerische Welt organisiert den Menschen sehr stark über Ehre, Ansehen, Gegenseitigkeit, Verpflichtung gegenüber Gast und Gastgeber, Familie, Göttern und Gemeinschaft.
Da ist timē, die Ehre und gesellschaftliche Stellung.
Da ist kleos, der Ruhm, der den eigenen Tod überleben soll.
Da ist aidōs, Scham, Scheu, das Bewusstsein des Blicks der anderen.
Und da ist vor allem xenia: das heilige Verhältnis zwischen Fremdem und Gastgeber, geschützt von Zeus.
Man nimmt einen Fremden auf, bewirtet ihn, respektiert ihn – nicht aus moderner Nettigkeit, sondern weil die Welt nur bestehen kann, solange solche Ordnungen gelten. Der Fremde könnte sogar ein Gott sein.
Wer diese Ordnung verletzt, beschädigt deshalb mehr als ein individuelles Gefühl.
Er beschädigt die Struktur, in der Menschen überhaupt miteinander leben können.
Genau auf diese xenia beruft sich Nolan vielleicht als einen Kern seiner Deutung.
Das verändert auch meinen Blick auf seine Troja-Erzählung.
Wenn Nolans Odysseus zurückschaut und an seiner eigenen List zu zerbrechen beginnt, sehe ich darin sofort Schuld. Traumatisierung. Reue.
Vielleicht sogar den Beginn einer moralischen Läuterung. Aber dieses Zurückschauen ist bereits sehr Nolan, sehr heute.
Homer braucht nicht denselben psychologischen Weg.
Sein Odysseus muss nicht erst im christlichen Sinne beichten, damit seine Heimkehr Bedeutung bekommt. Und „Vergebung“ funktioniert bei Homer ebenfalls anders.
Das Christentum hat aus Vergebung eine der radikalsten moralischen Bewegungen überhaupt gemacht: Du hast mir etwas angetan, und ich verzichte dennoch darauf, Vergeltung zur letzten Wahrheit unserer Beziehung zu machen.
In der Welt des homerischen Epos sind Wiederherstellung, Ausgleich, Rache, göttliche Strafe und die Wiederherstellung verletzter Ordnung viel unmittelbar.
Odysseus kehrt schließlich auch nicht nach Ithaka zurück, um in einem großen Akt der Versöhnung alle zu umarmen.
Er tötet die Freier.
Das sollte man nicht vergessen, wenn man diesen Film mit unserem heutigen moralischen Vokabular beschreibt. Und vielleicht gefällt mir Nolans Film gerade dann besser, wenn ich ihm nicht zugestehe, Homer für mich aufzulösen.
Es ist Nolans Odyssee.
Die Odyssee lässt sich offenbar auch nicht in 70-Millimeter-Film abschließen.
Sie lässt sich vielleicht überhaupt nicht „beibringen“.
Wer Homer kennenlernen will, muss Homer lesen – und dabei versuchen, wenigstens ein Stück weit in jene fremde griechische Welt einzutreten, aus der diese Dichtung kommt: eine mündlich geprägte Kultur des Epos; eine Gesellschaft, in der Gastfreundschaft religiöse Verpflichtung ist; in der Ruhm den Tod überdauern soll; in der Götter nicht Metaphern für psychische Zustände sind, sondern handelnde Mächte; in der Familie, Haus, Abstammung, Ehre, Gabe und Gegengabe eine andere gesellschaftliche Wucht besitzen als für uns.
Die Odyssee selbst wurde wahrscheinlich gegen Ende des 8. oder im frühen 7. Jahrhundert v. Chr. schriftlich greifbar, blickt aber auf eine viel ältere, mündlich tradierte heroische Welt zurück.
Kommerzielles Kino, insbesondere mit diesem monetären Schwergewicht, ist im Heute und immer in seinem Publikum verankert.
Selbst der historisch gewissenhafteste Film wird von Menschen gesehen, die mit ihren heutigen Begriffen von Liebe, Trauma, Krieg, Familie, Geschlecht, Schuld und Macht in den Saal kommen. Nolan kann den christlichen, psychoanalytischen, postheroischen Menschen des Jahres 2026 nicht aus uns herausoperieren.
Wahrscheinlich war das klug.
Mir hat heute, als ich diesen Film sah, diese Illusion kurz gereicht.
Die Illusion, für drei Stunden eine unendliche Vielzahl uralter Kräfte vor mir zu haben:
Meer. Krieg. Treue. List. Macht. Familie. Tod. Das Fremde. Das Eigene. Das Haus. Das Schiff Den Mann. Die Frau.
Und schließlich die Frage, ob diese Verteilung überhaupt so natürlich ist, wie sie über Jahrtausende erzählt wurde.
Denn vielleicht beginnt hier überhaupt eine der großen Leistungen griechischer Mythologie und Dichtung: Menschen werden zu Figuren, Figuren zu Konstellationen, Konstellationen zu etwas, worin spätere Generationen sich wiedererkennen können.
Man sollte den modernen Begriff des „Archetyps“ nicht einfach Homer unterschieben – aber hier liegt eine der Geburtsstätten jener literarischen Arbeit am Menschlichen, aus der wir später überhaupt lernen konnten, in wiederkehrenden Figuren zu denken: (Achtung generatives Femininum) die Heimkehrende, die Kriegerin, die Wartende, die Verführerin, die Väterin, die Mutter, die Söhnin, die Königin, die Fremde, die Tricksterin, die Liebende.
Und dieses Denken in Formen und Archetypen ist etwas, auf das uns besonders die bildenden Künste immer wieder ihren schöpferischen Da-Vinci-Finger legen:
Schau noch einmal hin. Du kennst diese Figur. Vielleicht bist du sie gerade selbst.
Kunst bildet nicht, indem sie uns die richtige Antwort vorsagt.
Sie bildet unseren Blick für das Schöne und Heilige.
Deshalb freue ich mich trotz aller Einwände darüber, dass junge Menschen gerade in dieses riesige Kinoereignis rennen.
Nicht, weil sie danach „die Odyssee kennen“.
Tun sie nicht.
Nolan hat keinen Bildungsauftrag erfüllt, und die Odyssee ist kein Lernstoff, den man nach drei Stunden IMAX abhaken kann. Aber vielleicht bekommen sie eine erste Begegnung mit etwas. Und diese wird, so Gott will, zu einer weiteren inneren Bewegung, vielleicht der wichtigsten von allen: noch tiefer verstehen zu wollen.
Heldentum, das sich plötzlich selbst verdächtig wird.
Krieg, der nicht einfach nach dem Sieg endet. Archaische Kräfte, die bis heute in Menschen weiterarbeiten. Die Frage, ob List wirklich Klugheit ist, wenn sie eine Welt zerstört – oder die Kunst. Heimkehr, die wichtiger sein könnte als Eroberung.
Bewahren, das nicht weniger heroisch ist als Besitzen. Ein Held, der vielleicht gerade dort interessant wird, wo wir aufhören, ihm alles zu vergeben, nur weil die Geschichte seinen Namen trägt.
Das ist nicht Homer. Das ist Nolan.
… in diesem Moment schwingt meine zufällige Musikwiedergabe auf Hildegard Knef:
Illusionen …
Na, wenn das nicht die Götter waren!